⚡ Quick Takes
- KI wirkt aktuell weniger wie eine Blase, eher wie eine Infrastrukturphase mit hohen Erwartungen an schnellen ROI.
- Bei KI Coins entscheidet nicht das Label, sondern der konkrete Nutzen: Warum braucht es überhaupt einen Token.
- KI rechnet sinnvollerweise meist offchain, die Blockchain kann als Vertrauensschicht dienen.
- Der harte Mehrwert liegt in Auditierbarkeit: Eingabe, Modellparameter und Ausgabe werden nachvollziehbar.
- KI Agenten sind keine Chatbots, sondern Automatisierung von Aufgabenketten. Onchain wird es vor allem zwischen Organisationen interessant.
Künstliche Intelligenz und Blockchain werden oft wie zwei getrennte Welten behandelt. In meinem Interview mit André Liesenfeld, AI und Web3 Transformation Leader bei Microsoft, ging es genau um die Schnittstelle: Was wird möglich, wenn KI nicht nur Antworten liefert, sondern Prozesse ausführt und die Blockchain dabei Vertrauen herstellt?
Zu Beginn haben wir die Frage eingeordnet, ob die sogenannte KI Blase platzt. André sieht weniger eine Blase als eine Infrastrukturphase. Unternehmen investieren massiv in Rechenzentren, Cloud Kapazitäten und Modelle, erwarten aber häufig einen schnelleren Return on Investment, als die Realität heute hergibt. Der Vergleich mit den Internetjahren um 2000 passt: Damals gab es ebenfalls überzogene Erwartungen, viele kurzlebige Projekte und gleichzeitig den Aufbau der Grundlagen, auf denen später ganze Industrien entstanden sind. Der ROI ist zudem nicht null. Er zeigt sich schon heute in einzelnen Bereichen wie Industrie, Pharma, Retail oder Automobil, nur eben nicht überall sofort und nicht in jeder Firma im gleichen Tempo.
Dann sind wir auf KI Coins im Kryptomarkt gekommen. André formuliert es deutlich: Ein großer Teil der Projekte trägt das KI Label, ohne dass Technologie und Token einen zwingenden Nutzen stiften. Die Kernfrage lautet: Warum braucht eine Anwendung überhaupt einen eigenen Coin oder Token? Wenn ein Token vor allem Aufmerksamkeit erzeugt, aber keinen Beitrag zur Funktion, Sicherheit oder Finanzierung des Systems leistet, ist das ein Warnsignal. Sinn kann ein Token dann ergeben, wenn er Anreize setzt, etwa um Daten beizusteuern, Modelle zu trainieren oder Beiträge im Netzwerk zu vergüten. Auch Governance kann ein echter Use Case sein, wenn ein Netzwerk Regeln, Abstimmungen und Verantwortlichkeiten braucht. Entscheidend ist, ob der Token etwas löst, das ohne Token schlechter, teurer oder weniger sicher wäre.
Besonders greifbar wurde es bei der Unterscheidung zwischen onchain und offchain. Viele Diskussionen klingen so, als würde KI direkt auf der Blockchain rechnen. In der Praxis ist oft das Gegenteil sinnvoll. KI arbeitet offchain, weil Training und Inferenz enorme Rechenleistung benötigen. Die Blockchain übernimmt dann eine andere Rolle, nämlich als Vertrauensschicht, oft als Layer of Trust beschrieben. Gemeint ist eine unveränderliche Beweiskette, die zeigt, was passiert ist.
André beschreibt dafür drei Bausteine.
Erstens die Eingabe: Was wurde an das Modell geschickt, zum Beispiel ein Prompt oder ein Datensatz.
Zweitens die Verarbeitung: Welches Modell wurde genutzt, welche Version und welche Einstellungen.
Drittens die Ausgabe: Was kam als Ergebnis heraus. Jeder Schritt kann mit einem Fingerabdruck versehen werden, etwa über Hashes, und anschließend auf einer Blockchain abgelegt werden.
Der Nutzen liegt auf der Hand: Wenn Ergebnisse abweichen, wenn Compliance Fragen auftauchen oder wenn ein System plötzlich anders reagiert, lässt sich prüfen, ob sich Eingaben, Modellparameter oder die Umgebung verändert haben.
Damit wird auch klar, warum 2026 so relevant wird. Nicht wegen Hype, sondern wegen Auditierbarkeit. In Bereichen mit hohen Anforderungen an Nachvollziehbarkeit, Sicherheit und Regulierung kann diese Kombination schnell echten Mehrwert bringen. Das gilt für Unternehmen, Behörden, Lieferketten und Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg, überall dort, wo Vertrauen nicht einfach vorausgesetzt werden kann.
Zum Schluss haben wir über KI Agenten gesprochen und warum sie mehr sind als ein Chatbot. Ein Chatbot ist ein Frontend für Fragen und Antworten. Ein Agent ist ein System, das Aufgabenketten ausführt. Zum Beispiel E Mails lesen, Kunden erkennen, Datenbanken abgleichen, Bestände prüfen, Bestellungen auslösen und Antworten erstellen. Solche Agentenprozesse laufen bereits, meist innerhalb von Unternehmen. Richtig interessant wird es, wenn mehrere Parteien zusammenarbeiten und man Ergebnisse verifizieren muss. Genau dort kann die Blockchain als Vertrauensschicht ihre Stärken ausspielen.

