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Canton-Gründer warnt: Smart-Contract-Blockchains vor hartem Bewertungs-Realitätscheck

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Dr. Stephanie MorgenrothDr. Stephanie Morgenroth
Canton-Gründer warnt: Smart-Contract-Blockchains vor hartem Bewertungs-Realitätscheck

Yuval Rooz, Mitbegründer des institutionellen Blockchain-Netzwerks Canton, prophezeit der Branche einen schmerzhaften Realitätscheck. Viele Smart-Contract-Plattformen könnten ihre hohen Bewertungen nicht durch tatsächliche wirtschaftliche Aktivität rechtfertigen.

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Fear & Greed Index

Was genau passiert ist

In einem aktuellen Interview äußerte Rooz harsche Kritik an der aktuellen Blockchain-Landschaft. Der Fokus liege zu sehr auf technischer Infrastruktur und zu wenig auf wirtschaftlicher Substanz. Viele Netzwerke werben damit, finanzielle Infrastruktur für die Zukunft zu sein, doch die realen Transaktionszahlen rechtfertigen die milliardenschweren Marktkapitalisierungen nicht.

Rooz warnt vor einer wachsenden Kluft zwischen den Bewertungen vieler Smart-Contract-Blockchains und ihrer tatsächlichen Nutzung. Diese Aussagen kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die Kryptoindustrie unter dem Druck steigender Zinsen und regulatorischer Unsicherheit steht. Die Ära des billigen Geldes, die spekulative Asset-Preise befeuerte, ist vorbei. Investoren verlangen nun nach fundamentalen Metriken wie Einnahmen pro Nutzer und nachhaltigen Cashflows.

Besonders brisant: Rooz bezweifelt auch den Erfolg von Stablecoins. Diese digitalen Währungen, die an den US-Dollar oder andere Fiat-Währungen gekoppelt sind, hätten seiner Meinung nach bislang keine echte Product-Market-Fit gefunden. Das ist bemerkenswert, da Tether (USDT) und USD Coin (USDC) zusammen eine Marktkapitalisierung von über 100 Milliarden Dollar halten und täglich Milliarden an Volumen bewegen. Rooz' Skepsis spiegelt jedoch die institutionelle Sicht wider, dass diese Nutzung vorwiegend spekulativer Natur ist – Transfer zwischen Börsen und DeFi-Protokollen – und nicht die ursprünglich erhoffte Integration in den Alltag von Unternehmen und Verbrauchern.

Warum das wichtig ist

Die Aussagen treffen den Kern eines identitätskriseähnlichen Problems in der Kryptoindustrie. Seit dem letzten Bullenmarkt 2021 sind hunderte neue Layer-1- und Layer-2-Blockchains entstanden. Sie alle versprechen schnellere Transaktionen, niedrigere Gebühren und bessere Programmierbarkeit.

Doch die Realität sieht anders aus. Viele dieser Netzwerke verzeichnen trotz Millionen-Investitionen nur wenige tausend aktive Nutzer täglich. Die Fully Diluted Valuation (FDV) – also der theoretische Gesamtwert aller jemals existierenden Token – liegt bei manchen Projekten im Milliardenbereich, während die jährlichen Gebühreneinnahmen im siebenstelligen Bereich bleiben. Dieses Missverhältnis nennt Rooz die "Value Gap".

Investoren zahlen für Zukunftsversprechen, die sich bislang nicht in nachhaltiger wirtschaftlicher Aktivität manifestiert haben. Das Problem verschärft sich durch Token-Unlocks und Inflation, die den Markt stetig mit neuem Anflutungsdruck belasten. Während bei traditionellen Unternehmen Umsatz und Gewinn die Aktienkurse langfristig tragen, fehlt bei vielen Blockchain-Projekten diese fundamentale Verankerung.

Wichtig: Das Risiko einer harten Korrektur betrifft vor allem Tokens von Layer-1-Blockchains, die ihre Bewertung durch Spekulation und nicht durch nachweisbare Gebühreneinnahmen aus echten Anwendungen rechtfertigen.

Einordnung

Rooz' Kritik kommt aus einer einzigartigen Position. Während die meisten öffentlichen Blockchains auf Retail-Spekulation und DeFi-Anwendungen setzen, konzentriert sich Canton auf institutionelle Anwendungsfälle. Das Netzwerk verbindet traditionelle Finanzinstitute wie Börsen und Clearingstellen über eine gemeinsame Infrastruktur.

Diese Perspektive erklärt seine Skepsis gegenüber Stablecoins. Für Privatanleger sind USDT und USDC praktisch für schnelles Trading und Überweisungen. Für institutionelle Akteure fehlt jedoch die regulatorische Klarheit und die Integration in bestehende Zahlungssysteme, um Stablecoins als echte Alternative zu SWIFT oder RTGS-Systemen zu nutzen.

Historisch betrachtet erinnern die Warnungen an den Dot-com-Boom der späten 90er Jahre. Damals wurden Unternehmen mit milliardenschweren Bewertungen an die Börse gebracht, die noch keinen Dollar Umsatz gemacht hatten. Die meisten verschwanden, aber die Überlebenden dominierten danach das Feld. Rooz suggeriert, dass die Blockchain-Branche eine ähnliche Konsolidierungsphase erwarte, bei der nur Netzwerke mit echter wirtschaftlicher Substanz überleben werden.

Technisch unterscheidet sich Canton fundamental von Ethereum & Co. Das Netzwerk verwendet Daml (Digital Asset Modeling Language), eine funktionale Programmiersprache, die speziell für komplexe Finanzverträge entwickelt wurde. Im Gegensatz zu Solidity ermöglicht Daml feingranulare Datenschutzeinstellungen. Parteien können Transaktionen sehen, an denen sie beteiligt sind, während sie für Außenstehende unsichtbar bleiben – ein entscheidender Vorteil für Banken, die strikte Vertraulichkeit gewährleisten müssen.

Die Warnung vor der "Value Gap" gewinnt angesichts des aktuellen Marktklimas an Gewicht. Der Fear & Greed Index zeigt extreme Angst. Investoren werden zunehmend skeptisch gegenüber Projekten, die keine klare monetarisierbare Nutzung aufweisen. Rooz prophezeit, dass viele der aktuellen Infrastruktur-Projekte verschwinden werden, weil sie keine nachhaltige Wertschöpfung generieren können. Der pragmatische Ansatz von Canton – als Enabler für bestehende Finanzinfrastruktur, nicht als Ersatz dafür – könnte sich in diesem Umfeld durchsetzen.

Was du jetzt wissen solltest

Die aktuelle Entwicklung erfordert eine differenzierte Betrachtungsweise. Nicht jede Warnung bedeutet den Untergang der Kryptoindustrie, aber sie signalisiert einen Markt, der reift und differenzierter wird. Für dich als Anleger ergeben sich daraus konkrete Handlungsempfehlungen:

  • Unterscheide zwischen Infrastruktur und Anwendung: Blockchains sind wie Straßen – wertvoll nur, wenn Verkehr darauf rollt. Prüfe bei jedem Projekt, ob echte Nutzer und echte Transaktionen existieren, nicht nur theoretische Kapazitäten. Ein Netzwerk mit 100.000 Transaktionen pro Sekunde, das leer läuft, ist weniger wertvoll als eines mit geringerer Kapazität aber konstanter Auslastung.
  • Achte auf Revenue statt nur auf Marktkapitalisierung: Ein Netzwerk, das täglich nur wenige Dollar an Gebühren generiert, kann langfristig nicht Milliarden wert sein. Tools wie Token Terminal oder DefiLlama zeigen dir die tatsächlichen Einnahmen. Vergleiche die FDV mit den annualisierten Gebühren – ein Verhältnis über 100:1 ist kritisch zu sehen.
  • Stablecoins sind Werkzeuge, keine Revolution: Trotz Rooz' Kritik bleiben Stablecoins nützlich für Trader und für Überweisungen. Sie haben jedoch noch nicht das traditionelle Bankensystem ersetzt – und vielleicht werden sie das auch nie vollständig tun. Nutze sie als das, was sie sind: ein pragmatisches Transfermittel, nicht eine disruptive Weltveränderung.
  • Institutionelle Lösungen gewinnen an Bedeutung: Netzwerke wie Canton, die regulatorische Anforderungen erfüllen und mit bestehenden Systemen kommunizieren, könnten die nächste Welle der Adoption tragen. Diese sind oft weniger spektakulär, aber nachhaltiger als reine Spekulationsobjekte.
  • Diversifiziere auch innerhalb von Krypto: Konzentriere dich nicht nur auf einen Layer-1-Token. Ein Mix aus etablierten Netzwerken mit hoher Nutzung und spekulativeren Neuerungen reduziert das Risiko eines Totalverlusts bei einem einzelnen Projekt, das möglicherweise Rooz' prophezeiten Realitätscheck nicht übersteht.

Quelle: CoinDesk Weitere Infos: APR, APY

Merke: Relevanz entsteht erst dann, wenn sich das Signal im Marktverhalten und in der Positionierung bestätigt.

Häufige Fragen

Was genau ist die "Value Gap" bei Smart-Contract-Blockchains?

Die "Value Gap" beschreibt das Missverhältnis zwischen der Bewertung eines Blockchain-Netzwerks und seiner tatsächlichen wirtschaftlichen Aktivität. Viele Smart-Contract-Plattformen haben Marktkapitalisierungen im Milliardenbereich, generieren aber nur vernachlässigbare Gebühreneinnahmen durch reale Nutzung. Ihr Wert basiert auf Spekulation über zukünftige Adoption, nicht auf gegenwärtiger wirtschaftlicher Substanz.

Warum sagt Rooz, dass Stablecoins keinen Product-Market-Fit haben?

Rooz argumentiert aus institutioneller Sicht. Während Privatanleger Stablecoins für Trading und Überweisungen nutzen, haben sie sich bei regulierten Finanzinstituten noch nicht als Standard etabliert. Die fehlende regulatorische Klarheit und die Integration in traditionelle Zahlungssysteme verhindern, dass Stablecoins ihre ursprünglich prophezeite disruptive Rolle im globalen Finanzsystem einnehmen.

Was unterscheidet das Canton-Netzwerk von öffentlichen Blockchains wie Ethereum?

Canton ist eine permissioned Blockchain, was bedeutet, dass nur autorisierte Teilnehmer – typischerweise Banken, Börsen und andere Finanzinstitute – Zugang haben. Im Gegensatz zu öffentlichen Netzwerken wie Ethereum legt Canton besonderen Wert auf Datenschutz, regulatorische Compliance und die Interoperabilität mit bestehenden Finanzinfrastrukturen. Es nutzt die Smart-Contract-Sprache Daml und wird von Digital Asset entwickelt.