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Was ist Digitaler Nachlass?

Warum digitale Vorsorge heute auch Konten, Wallets und Zugangsdaten einschließen muss

Steuern & RechtEinsteiger4 Min. Lesezeit

Definition

Der digitale Nachlass beschreibt digitale Konten, Zugänge, Vermögenswerte und Daten, die nach dem Tod einer Person rechtlich und praktisch geregelt werden müssen.

Dein digitaler Nachlass umfasst alle digitalen Vermögenswerte, die du hinterlässt: Bitcoin, Altcoins, NFTs, Exchange-Konten und Wallet-Zugänge. Das Problem: Ohne Private Key oder Seed Phrase können Erben auf Krypto-Vermögen nicht zugreifen, egal was im Testament steht. Schätzungen zufolge sind 2,3 bis 3,7 Mio. BTC dauerhaft verloren, das entspricht 11 bis 18 % des maximalen Angebots von 21 Mio. BTC. Ein erheblicher Teil davon geht auf fehlende Nachlassplanung zurück.

Rechtslage in Deutschland

Der BGH hat mit dem Urteil III ZR 183/17 (Juli 2018) klargestellt: Digitale Vermögenswerte sind grundsätzlich vererbbar. Der Nutzungsvertrag geht per Gesamtrechtsnachfolge (§ 1922 BGB) auf die Erben über. Die DSGVO schützt nur lebende Personen und steht dem Erbzugang nicht entgegen. Bei Kryptowährungen gibt es aber ein entscheidendes Problem: Der rechtliche Anspruch allein nützt nichts, wenn die Erben keinen Zugang zu den Private Keys haben. Kein Gericht und kein Anwalt kann eine Blockchain-Transaktion ohne den zugehörigen Schlüssel auslösen.

Krypto auf Börsen vs. eigene Wallets

Bei Krypto auf einer Börse wie Bitvavo oder Kraken können Erben mit Erbschein und Sterbeurkunde den Zugang beantragen. Die Börse gibt das Guthaben dann an die berechtigten Erben frei. Bei selbstverwahrten Cold Wallets oder Hot Wallets sieht es anders aus: Hier gibt es keine zentrale Instanz, die helfen kann. Ohne Seed Phrase oder Private Key bleibt das Vermögen für immer gesperrt.

Erbschaftsteuer auf Krypto

AspektRegelung
BewertungGemeiner Wert (Marktwert) am Todestag (§ 12 Abs. 3 BewG)
Freibetrag Kinder400.000 EUR (§ 16 ErbStG)
Freibetrag Ehepartner500.000 EUR
Meldefrist3 Monate nach Kenntnis ans Finanzamt
VolatilitätsrisikoSteuerpflicht auf den Kurs am Todestag, unabhängig vom späteren Kurs

Das Stichtagsprinzip kann teuer werden: Fällt der Kurs zwischen Todestag und Zugriff, zahlst du Steuern auf einen Wert, den du nie realisiert hast. Steigt er dagegen, profitierst du. Eine präzise Dokumentation des Marktwerts am Todestag ist zwingend erforderlich.

Vererbung praktisch lösen: Drei Ansätze

1. Shamir's Secret Sharing (SSS): Die Seed Phrase wird in mehrere Teile aufgesplittet, von denen nur eine Mindestanzahl zur Wiederherstellung nötig ist (z. B. 3 von 5). Trezor Model T unterstützt SSS nativ (SLIP39). Die Teile verteilst du an Vertrauenspersonen, einen Notar und ein Bankschließfach. Kein einzelner Teil reicht zum Zugriff.

2. Inheritance-Services: Casa bietet ein Multisig-Modell (2-von-3-Keys), bei dem Erben mit zwei von drei Schlüsseln zugreifen können (250 USD/Jahr). Unchained hat ein eigenes Inheritance Protocol mit vollständiger Dokumentation für die Vault-Vererbung. Beide Dienste sind darauf ausgelegt, dass Erben keine technischen Kenntnisse brauchen.

3. Ledger Recover: Ledger teilt die Seed Phrase in drei verschlüsselte Fragmente auf (Pedersen Verifiable Secret Sharing). Je ein Fragment geht an Ledger, Coincover (UK) und EscrowTech. Zwei von drei Fragmenten reichen zur Wiederherstellung. Kosten: 9,99 USD/Monat.

Wichtig

Schreibe deine Seed Phrase niemals nur auf ein einzelnes Blatt Papier. Verteile den Zugang über mehrere unabhängige Sicherungsmethoden. Ohne Private Key gibt es bei Kryptowährungen keinen "Passwort zurücksetzen"-Button.

Berühmte Fälle: Was passiert ohne Vorsorge

Stefan Thomas erhielt 2011 genau 7.002 BTC als Bezahlung für ein Erklärvideo (damals ca. 2.000 USD). Er notierte das Passwort seines IronKey-USB-Sticks auf Papier, das Papier ging verloren. Acht von zehn Versuchen sind verbraucht, nach dem zehnten löscht sich der Stick selbst. Aktueller Wert: rund 595 Mio. USD. Gerald Cotten (QuadrigaCX) starb 2018 als einziger mit Zugang zu den Cold Wallets der Börse, 250 Mio. CAD in Krypto waren für 115.000 Kunden unerreichbar. Matthew Mellon investierte 2 Mio. USD in XRP, der Wert stieg auf über 1 Mrd. USD. Er starb 2018 ohne seine Private Keys je geteilt zu haben.

Checkliste für deinen digitalen Nachlass

Erstelle einen separaten "Digital Asset Letter" (nicht Teil des Testaments, da Testamente öffentlich werden können). Dieser enthält: Welche Wallets und Exchange-Konten existieren, wo Seed Phrases oder Schlüsselteile aufbewahrt werden, welche Hardware-Wallets vorhanden sind und wie darauf zugegriffen wird. Aktualisiere das Dokument regelmäßig. Informiere mindestens eine Vertrauensperson über die Existenz des Dokuments und den Aufbewahrungsort. Ein Notar kann als zusätzliche Sicherheitsinstanz dienen.

Häufige Fragen zum digitalen Nachlass

Können Erben ohne Private Key auf Krypto zugreifen?

Nein. Bei selbstverwahrten Wallets gibt es keine zentrale Instanz, die den Zugang wiederherstellen kann. Ohne Seed Phrase oder Private Key ist das Krypto-Vermögen dauerhaft verloren. Bei Exchange-Konten können Erben mit Erbschein Zugang beantragen.

Wie wird Krypto bei der Erbschaftsteuer bewertet?

Zum Marktwert am Todestag (Stichtagsprinzip, § 12 Abs. 3 BewG). Die Freibeträge gelten wie bei jedem anderen Vermögen: 400.000 EUR für Kinder, 500.000 EUR für Ehepartner. Die Meldung ans Finanzamt muss innerhalb von 3 Monaten erfolgen.

Was ist die sicherste Methode, Krypto zu vererben?

Shamir's Secret Sharing in Kombination mit einem Digital Asset Letter beim Notar. Die Seed Phrase wird in mehrere Teile aufgeteilt (z. B. 3 von 5), einzelne Teile gehen an Vertrauenspersonen und ein Bankschließfach. Alternativ bieten Casa und Unchained spezialisierte Inheritance-Services an.

Über die Autorin

Dr. Stephanie Morgenroth

Dr. Stephanie Morgenroth

Steffi ist promovierte Medizinerin, Krypto-Investorin seit 2021 und erreicht mit MissCrypto über 100.000 Menschen auf Social Media. Sie macht komplexe Themen wie Bitcoin, DeFi und Krypto-Steuern verständlich, ehrlich, unabhängig und ohne Hype.

Über Steffi

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