Der Blockchain-Investigator ZachXBT hat schwere Vorwürfe gegen Circle erhoben. Der Emittent des zweitgrößten Stablecoins USDC soll seit 2022 in 15 dokumentierten Fällen trotz eindeutiger Warnzeichen versagt haben. Dabei blieben laut ZachXBT rund 420 Millionen Dollar an mutmaßlich illegalen Transaktionen ungehindert, obwohl technische Möglichkeiten zum Eingreifen bestanden. Der pseudonyme Analyst gilt in der Krypto-Community als unabhängiger Whistleblower mit nachgewiesener Erfolgsbilanz bei der Aufdeckung von Betrugsfällen durch öffentlich einsehbare Blockchain-Daten.
Die Vorwürfe: Systematische Compliance-Lücken bei Circle
ZachXBT identifizierte 15 Vorfälle seit 2022, bei denen Circle trotz vorliegender Informationen nicht intervenierte. Bei DeFi-Exploits, Ransomware-Zahlungen und anderen verdächtigen Aktivitäten besaß das Unternehmen demnach mehrere Stunden bis Tage Zeit, um betroffene Guthaben einzufrieren. Die Analyse zeigt, dass betroffene Adressen teilweise bereits öffentlich als kompromittiert gekennzeichnet waren, bevor die Transaktionen verarbeitet wurden. In einigen Fällen sollen Warnungen über öffentliche Kanäle wie soziale Medien direkt an das Unternehmen gerichtet worden sein, ohne dass die Compliance-Abteilung reagierte.
Der Vorwurf lautet auf unterlassene Prävention statt Unkenntnis. USDC basiert auf Ethereum-basierten Smart Contracts, die dem Emittenten technische Blacklisting-Funktionen ermöglichen. Über administrative Funktionen im Token-Contract kann Circle Adressen auf eine Sperrliste setzen, wodurch Transfers von und zu diesen Wallets technisch unmöglich werden. Diese Zentralisierung erlaubt theoretisch die sofortige Sperrung krimineller Gelder, setzt aber effiziente interne Prozesse voraus. Die dokumentierten Verzögerungen deuten auf strukturelle Lücken in der Echtzeit-Überwachung hin. Ein professionelles Compliance-System sollte verdächtige Adressen automatisch flaggen, sobald diese in öffentlichen Sicherheitsdatenbanken auftauchen.
Die 420 Millionen Dollar umfassen Volumina aus verschiedenen Kategorien krimineller Aktivitäten. Neben klassischen Hacks betrifft dies auch Geldwäsche-Versuche und mutmaßliche Sanktionsumgehungen durch Adressen mit Bezug zu ausländischen Börsen. Circle positioniert sich öffentlich als vollständig regulierter Anbieter mit Banklizenzen in den USA, was die dokumentierten Versäumnisse besonders brisant macht. Die Diskrepanz zwischen der Selbstdarstellung als streng reguliertes Finanzinstitut und der operativen Realität bei der Verhinderung illegaler Transaktionen untergräbt das Vertrauen in die institutionelle Reife des Unternehmens. Die Community erwartet von einem systemrelevanten Akteur im DeFi-Ökosystem höhere Sicherheitsstandards und Reaktionsgeschwindigkeiten.
Regulatorischer Kontext und Marktimplikationen
USDC rangiert mit einer Marktkapitalisierung von über 30 Milliarden Dollar als zweitgrößter Stablecoin weltweit hinter Tether. Diese Größenordnung macht den Anbieter zu einer kritischen Infrastruktur im Krypto-Markt, insbesondere als Liquiditätsreserve in dezentralen Finanzprotokollen. Die Vorwürfe werfen ein Schlaglicht auf das grundsätzliche Spannungsfeld zwischen Dezentralisierungsanspruch und regulatorischen Pflichten. Während Bitcoin und andere native Kryptowährungen zensurresistent konzipiert sind, fungieren zentralisierte Stablecoins als regulierte Finanzinstrumente mit entsprechenden Kontrollmechanismen. Diese Hybridnatur verpflichtet Emittenten zur aktiven Überwachung, ohne die technische Souveränität der Nutzer vollständig zu gewährleisten.
Aus regulatorischer Sicht steht Circle unter besonderer Beobachtung. Seit der vollständigen Implementierung der MiCA-Verordnung in der Europäischen Union Anfang 2025 müssen Stablecoin-Emittenten strenge Reserve- und Compliance-Anforderungen erfüllen. Die EU-Behörden verlangen von CASP-Anbietern effektive Mechanismen zur Verhinderung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung, einschließlich der Pflicht zur Überwachung sekundärer Transaktionen. Die dokumentierten Versäumnisse könnten hier als Indiz für unzureichende interne Kontrollsysteme gewertet werden. Behörden könnten dies Anlass nehmen, die Lizenzierung von Circle in Europa zu überprüfen oder zusätzliche Auflagen zu fordern. In den USA unterliegt das Unternehmen zusätzlich der Aufsicht durch staatliche Finanzaufsichtsbehörden.
Für Anleger ergibt sich ein differenziertes Risikoprofil. Zwar bietet USDC die Stabilität des US-Dollars und ist durch Einlagen gedeckt, doch unterliegt das Asset der absoluten Kontrolle des Emittenten. Im Gegensatz zu dezentralen Alternativen wie DAI oder algorithmischen Stablecoins können Wallet-Adressen jederzeit gesperrt werden. Dieses Zentralisierungsrisiko betrifft nicht nur direkte Opfer von Hacks, sondern alle Inhaber, die auf die jederzeitige Verfügbarkeit ihrer Vermögenswerte angewiesen sind. Ein plötzliches Einfrieren von Geldern durch Fehlalarme im Compliance-System bleibt theoretisch möglich, was die Nutzung als Settlement-Layer in Smart-Contract-Ökosystemen kompliziert.
Die Konkurrenzsituation verschärft den Druck auf Circle. Während Tether ähnliche Blacklisting-Funktionen nutzt, agiert MakerDAOs DAI dezentraler, da es durch übercollateralisierte Krypto-Assets anstatt Bankreserven gedeckt ist. Nutzer verschieben zunehmend Vermögen in nicht-verwahrende Wallets und dezentrale Protokolle, um Zensurresistenz zu gewährleisten. Ein nachhaltiger Vertrauensverlust könnte kurzfristig zu Abflüssen in konkurrierende Assets oder Bitcoin führen. Institutionelle Anleger müssen dabei abwägen zwischen regulatorischer Sicherheit und technischer Unabhängigkeit. Die Vorfälle könnten zudem DeFi-Protokolle dazu bewegen, die Abhängigkeit von USDC als primärem Stablecoin zu reduzieren und diversifizierte Collateral-Strategien zu implementieren.
Fazit: Vertrauenskrise bei systemrelevantem Infrastrukturanbieter
Die Enthüllungen durch ZachXBT offenbaren eine gefährliche Diskrepanz zwischen marketingbasierter Compliance-Behauptung und operativer Realität. Die technische Möglichkeit zum Eingreifen besteht, doch die Umsetzung scheint ineffizient oder willkürlich. Für den gesamten Stablecoin-Sektor bedeutet dies, dass selbst etablierte, regulierte Player unter der permanenten Beobachtung der Community stehen. Die Transparenz der Blockchain ermöglicht es Analysten, solche Versäumnisse öffentlich nachzuweisen.
Anleger sollten das Zentralisierungsrisiko bei USDC gegen die Vorteile regulatorischer Absicherung abwägen. Die Vorfälle unterstreichen die Notwendigkeit diversifizierter Stablecoin-Strategien. Wer maximale Souveränität über seine Vermögenswerte sucht, muss die technischen Eigenschaften der genutzten Assets genau prüfen und gegebenenfalls auf dezentrale Alternativen ausweichen. Der Fall zeigt erneut, dass im Krypto-Space technische Kontrolle und tatsächliche Sicherheit nicht automatisch zusammenfallen.
Quelle: Cointelegraph




